180 sagt mir mein digitales Tachometer. Ich sitze in meinem Porsche 911 S3. Der Motor dröhnt. Ich habe Wut. Auf sie, auf mich.

Auf den Wagen habe ich 8 Monate warten müssen. Sonderanfertigung. Das Leder riecht noch. Außer mir scheint niemand mehr unterwegs.

Warum ist sie nur so ausgeflippt? Ich meine, ich war betrunken, nach einem langen Tag, wusste nicht was ich tue. Die kleine war doch eh zu jung für mich, wie kann Sie nur so eine Szene machen. Ich habe sie das erste Mal betrogen seit Jahren. Außerdem wäre es doch etwas anderes gewesen, wenn ich Sie mit meiner Sekretärin betrogen hätte.

Ich muss lächeln, stelle mir Annegret, meine 58jährige Sekretärin nackt vor.
Ein Wagen kommt mir entgegen. Ich komme in eine Ortschaft. Schalte runter, bremse aber nicht. Der Motor heult auf, bremst den Wagen.
120-,110,-100,-90
Noch immer viel zu schnell. Egal. Die Strasse zieht sich schnurgerade durch einen kleinen, fast schon idyllischen Ort. Hier muss es doch irgendwo ein Hotel geben.

Wie sie mich angeschrieen hat, eiskalte Miene, nichts vertrautes in ihrem Blick.
Ob die Kinder was mitbekommen haben?

Die Ausschilderung führt mich an ein Hotel. „Bellevue“- leuchtet schon von weitem. Ich nähere mich, immer langsamer werdend, erspähe einen Parkplatz unmittelbar vor dem Eingang. Halte den Wagen an.

Wie konnte sie nur, schließlich ist es mein Haus, sie hätte gehen sollen, ich hab das alles bezahlt. Nicht sie.

Ich steige aus, nehme vorher noch meine kleine Tasche vom Beifahrersitz. Schließe den Wagen ab und betrete die Hotellobby.

„Einen wunderschönen Guten Abend,“ wünscht der Portier, „eine Freude Sie in unserem Hause begrüßen zu dürfen“
„Ein Zimmer“ bringe ich rau hervor
„Einzel- oder Doppelzimmer?“
„Doppelzimmer!“
Beim Ausfüllen des Anmeldebogens fällt mir ein, das ich gar kein Doppelzimmer brauche- auch egal.
Ich schleppe mich in den Lift, bin müde. Alles ist still. Ich schaue auf meine Breitling, habe ich mir damals in Luzern gekauft, ihr habe ich damals ein 6karätiges Armband geschenkt.

Der Lift stoppt, die Türen öffnen sich. Ich schaue nach links, nach rechts, da ist es 214, mein Zimmer für heute Nacht.
Ich öffne die Tür, der schwere Schlüsselbeschwerer klopft beim öffnen gegen den Türrahmen. Ich betrete mein Zimmer und mustere alles sehr genau. Ich mag Hotelzimmer, immer neu, immer geborgen, immer sauber.
Ich werfe mein Täschchen aufs Bett, hole mir einen Piccolo aus der Minibar und setze mich an den Schreibtisch.

Ob sie es den Kindern schon gesagt hat? Ob sie von unserem Streit wach geworden und alles mitbekommen haben?
Ich werde Sie anrufen. Was werde ich ihnen sagen? „Ich kann euch alles erkl…“- nein. Ich lasse das wohl besser. Jetzt bin ich für alle, auch der typische Enddreißiger der sich mit Mädchen in die zwanzig vergnügt.

Ich will einfach nur weg, weit weg von hier, habe die Schnauze gestrichen voll. Ich schaue das über dem Schreibtisch aufgehängte Bild an. Es ist schön. Ein alter Segelschoner mitten auf der ruhigen See. Allein. Sicherlich auf dem Weg zu neuen Welten. Ich kann das Meer förmlich riechen. Ob es wohl weit ist bis zum Meer?

Zwei Tage später klopft der Portier vorsichtig an Zimmertür 214. Niemand öffnet. Noch einmal klopft er, zwar energischer aber immer noch dezent.
Am nächsten morgen klopft er erneut. Nach einigen Minuten öffnet er mit seinem Zweitschlüssel behutsam die Tür. Betritt den Raum. Niemand da, nur eine kleine schwarze Ledertasche liegt auf dem unbenutzem Bett und eine halbleere Flasche Piccolo steht auf dem Tisch. Verwundert dreht sich der Portier um und verlässt noch einmal ins Bad spähend das leere Zimmer.

Doch wenn er ein wenig genauer geschaut hätte, hätte er mich gesehen, winzigklein, auf dem Schiff, direkt neben dem Mast stehend.

Die Geschichte wurde ebenfalls im Autorenweb publiziert.
„Verlassen“ erscheint in Kürze auch im Rahmen der Veröffentlichung eines Kurzgeschichtenbandes. Diesen wird es erstmals auch als eBook geben. Mehr dazu hier im Blog.