Tunesien – mehr als nur blauer Himmel und Sonnenschein

Tunesien – Vorzeigeland Afrikas, überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, Urlaubsparadies, weiße Strände, Friede, Freude, Sonnenschein… Wirklich? Zumindest sind das die Bilder, die uns gerne vorgegaukelt werden. Die Realität dürfte zumindest für Tunesier etwas anders aussehen.

 Seit einigen Tagen kann sich nun endlich der interessierte Leser (also nicht der typische All-Inklusive Pauschaltourist) über die wahren Zustände in diesem nordafrikanischen Land informieren. Es herrscht nämlich längst nicht nur eitel Sonnenschein. Es mehren sich Berichte, die anfangs über vereinzelte „Unruhen“, jetzt aber von „blutigen Straßenschlachten“ berichten. Was ist passiert? Ganz einfach. Im Falle von Tunesien handelt es sich um eine Schein-Demokratie, die sich weltoffen gibt und damit jährlich Millionen von Touristen anlockt. Der Alltag der Tunesier, mit denen Touristen nur selten Kontakt haben, ist in diesem Polizeistaat jedoch von Unterdrückung, Überwachung und Angst bestimmt. Die Regierungsriege ist korrupt. Präsident Zine el-Abidine Ben Ali änderte unlängst die Verfassung, um sich in „Wahlen“ beliebig oft im Präsidentenamt bestätigen zu lassen und regiert das Land mit eiserner Hand. Trotz des zu jeder Gelegenheit propagierten Wirtschaftswachstums herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit. Diese hat in letzter Zeit besonders unter Jugendlichen dramatische Formen angenommen. Aus berechtigter Angst vor Represalien (man beachte einschlägige Berichte von Amnesty International über den Umgang staatlicher Behörden mit Andersdenkenden) schwieg man dazu bisher.

Jeder Krug geht aber nun einmal nur  zum Brunnen, bis er bricht. Und dieser Bruch scheint jetzt zu passieren. Beginnend mit der kürzlichen Selbstverbrennung eines arbeitslosen, unter behördlichen Willkürakten leidenden Akademikers, wird Tunesien in letzter Zeit von Massendemonstrationen gegen eben diese Arbeitslosigkeit, die Untätigkeit der Regierung und sonstige Ungerechtigkeiten erschüttert.

In Demokratien, und als solche gibt sich Tunesien ja aus, dürfte man meinen, die Regierung nimmt derartige öffentliche Massen-Meinungsbekundungen zum Anlass, die eigenen Politik zu hinterfragen. Aber nicht so in Tunis. Dort war man erst einmal sehr überrascht, kannte man doch bisher derartige „provokante Aktionen diverser Ganoven“ (O-Ton Ben Ali) nicht. Um die eigene Macht nicht zu gefährden, schließlich klebt man ja an seinem Stuhl, schickte man erst einmal Polizei und Streitkräfte auf die Demonstranten los. Das diese nicht nur mit dem erhobenen Zeigefinger ankommen, dürfte klar sein. So wurden in den letzten Tagen mindestens 30 (manche Berichte sprechen von 50) junge Leute getötet. Um die Keimzelle der Aufrührer lahm zu legen, wurden bis auf weiteres sämtliche Universitäten des Landes geschlossen. Die Fronten sind verhärtet. Die Demonstranten fordern tief greifende Änderungen, der Staatschef hatte bisher bis auf einige schwammige Versprechen (die wohl eher dem eigenen Machterhalt als einer Änderung der Lage dienen sollen) nichts Handfestes zu sagen gehabt. Statt dessen Einschüchterungen. Die Bevölkerung solle sich nicht in Gruppen treffen, auch nicht in 2er-Gruppen, sonst könne keine Garantie für Leib und Leben gegeben werden. Lächerlich. So kann man unliebsame Demonstrationen auch unterbinden.

Und der Westen? Nichts. Totenstille. Man schweigt. Komisch, mischt man sich doch sonst ständig bei allen Gelegenheiten ein. Dann aber wohl doch nicht so verwunderlich. Schließlich ist Tunesien ein Haupthandelspartner der Europäischen Union. Und was sind schon Wirtschaftsinteressen gegen Menschenrechtsverletzungen.

Gerade mit unserer Erfahrung von vor 20 Jahren bleibt zu wünschen, dass sich die Tunesier dauerhaft aus ihrer Angst lösen können, sich alles zum Guten wendet und sie endlich die Regierung bekommen, die sie verdienen. Weiterhin sollte dieses Thema in all jene Länder getragen werden, die jährlich Scharen von sonnenhungrigen Touristen nach Tunesien schicken. Denn nichts fürchtet das Regime in Tunis mehr, als das mühsam aufrecht erhaltene Saubermann-Image angekratzt zu sehen. Hoffentlich beschränken sich die Meinungsäußerungen in diesen Regionen nicht auf „Na dann flieg ich halt nächstes Jahr nach Ägypten“.

3 Kommentare

  1. Ich kann mich an Diskussionen erinnern in denen ich vor Monaten/ Jahren, die Zustände der nordafrikanischen Länder anprangerte und dafür belächelt wurde. Es waren meist die pseudoliberalen, Allestolerierer.

    So wie sie mich damals belächelten, am besten da gleich ihren Urlaub buchten und die Lupenreine Demokratie dieser Länder verteidigten, so schweigen sie heute- und machen sich somit einmal mehr schuldig!

  2. Ein kleiner Lichtblick zeichnet sich ab. Der Präsident hat, nachdem er merkte, dass auch nächtliche Ausgangssperren nichts ändern, ein erstes Einlenken signalisiert und, was bisher unvorstellbar war, Fehler eingeräumt. So sollen nun die drastische Erhöhung der Lebensmittelpreise zurück genommen werden, der Presse mehr Freiheiten zugestanden werden. Außerdem wird die Gesetzesänderung zur unbegrenzten Wiederwahl des Präsidenten nun doch nicht eingeführt. D.h. Ben Ali (74) tritt nicht noch einmal zur „Wahl“ an. Bleibt zu hoffen, dass diese Schritte nicht nur Schall und Rauch sind.

  3. Gerade erst geschrieben und schon fast veraltet. Das ist eben Geschichte.
    Der Ex-Präsident ist, ganz nach Dispotenart, geflohen. Genugtuend, dass ihn keiner haben will. Erster Landversucht Malta -abgelehnt, ebenso in Rom und erstaunlicherweise sogar in Paris.
    Man sieht, was ein einiges Volk alles erreichen kann. Das Ganze könnte als Vorbild für andere Länder der Region dienen.

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