Robert Enke und der Junge im Pennymarkt

Für gewöhnlich dusel ich nachts bei seichter Radiounterhaltung des Deutschlandfunks ein. So auch vorletzte Woche Montag, als mich der Sprecher aufschreckt:
„Robert Enke ist tot“
„Wer zur Hölle ist Robert Enke?“

Die Frage wurde umgehend beantwortet.
„Fußballtorwart…, Nationalmannschaft…, vor Zug geschmissen…, bla, bla, bla…“

Damit war das Thema eigentlich für mich abgegessen, aber denkste, der Nachrichtensprecher kochte die Meldung aller 2 Minuten, in einem sich ständig dramatisierendem Tonfall neu auf- bis ich das Radio ausschmiss. Am nächste Morgen dann ging’s weiter- Breakingnews Balken auf allen Sendern und die Top Themen aller Nachrichtenwebsiten waren auf diesen Robert Enke getrimmt. Da ich diesen Namen aber in der Nacht zuvor zum ersten Mal gehört hatte und nicht der dümmste deutsche sein wollte, bemühte ich mal Wiki. Dort konnte ich dann lesen, das dieser Typ seit kurzem wohl in der Nationalelf Torwart war, ein schweres Leben hatte, wie alle anderen, noch keine WM Teilnahme vorweisen konnte und letztendlich an seiner Depression verstorben ist (ein Selbstmörder halt).

Nun wollte ich das Thema endlich abgehakt wissen, doch im Gegenteil, jeder Tag dieser Woche wurde schlimmer. Enke hier, Enke da. Ein Volk weinte (was für ein beklopptes Volk), die Nachrichten wussten über nichts anderes mehr zu berichten (warum auch, wir haben ja keine anderen Probleme) und alles mündete darin, dass man den, von einem Zug zerfetzten Leichnam vor 40.000 fremden in einem Stadion (wie toppen wir das eigentlich wenn man jemand wichtiges stirbt) aufbahrte…

Tja, das leben muss weiter gehen- dachte ich. Doch erntete nur abfälliges Kopfschütteln, oder lachen wenn ich eingestehen musste dass ich nicht wusste wer Robert Enke war, wenn er sich denn nicht in den kalten Radreifen eines Interregio gequetscht hätte. Also heuchelte ich etwas Anteilnahme, um unbehelligt durch die Woche zu kommen. Ich überlegte kurz als Demonstration meines Mitgefühls, all mein Hab und Gut der bald gegründeten Robert Enke Stiftung zu vermachen. Besann mich aber bald- hab ich mich für Jacko nicht interessiert, dann fürn guten Robert auch nicht. Ich ging zur Tagesordnung über und in den Penny einkaufen. Schließlich muss meine Familie ja trotz Robert was zu essen haben.

An der Kasse viel mir eine Frau mit ihrem circa 3 jährigen Jungen auf. Während mein Wochenendeinkauf kaum in einen Wagen passt und selten unter 100EUR kostet, passte ihrer in einen Beutel. Er umfasste trotzdem ziemlich genau 3 vollen Mahlzeiten, kostete aber exakt 20EUR. Die Frau war nicht verwahrlost oder so, doch sah man ihr auch an das sie verdammt wenig Geld hat. Als ich sie beobachtete wie unruhig sie ihre EC Karte zum zahlen aus der Tasche nestelte, viel ich mir sofort selbst ein, wie ich vor 10 Jahren an der Plus Kasse zahlte, betend das die Bank doch nur diese eine Überziehung durch gehen ließe.
Und tatsächlich:
„Zahlung nicht möglich“ plärrte die Kassiererin zu der Frau und streckte ihr die Karte entgegen.
Während der Junge an seiner Mutter traurig hochblickte und sie der Kassiererin
„das ist doch unmöglich, probieren Sie es doch noch einmal“ entgegnete, begann in mir ein Kampf. Ich sollte der Frau einfach schnell 20EUR in die Hand drücken. Nicht dass ich es zu viel hätte, aber einstecken hatte ich sie, ich kannte solche Situation selber, der kleine Junge, ja ich gebe es ihr. Kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, war die Frau verschwunden. Der Einkauf an der Kasse liegen geblieben, sie wolle
„nur fix Geld am Automaten holen gehen“.
Ich war der nächste. Ich packte alles aufs Band, ließ kassieren, bezahlte bar, ging zum Auto und verpackte dort alles wie gewohnt. Ich war schon beinahe fertig, als die Frau von eben, an mir vorbei, aus dem Geldautomatenhäusschen kam. Der kleine Junge, den sie jetzt fast hinterher schleifte, schaute mich im vorbei gehen, tottraurig, aber irgendwie auch sehr tapfer an.
Ich packte fertig und schloss den Kofferraum. „Ich muss ihr hinterher. Was sind jetzt schon 20EUR, sie brauch das Essen für den kleinen“ ich kenne einfach zu gut das Gefühl aus meiner Vergangenheit…
Ich schloss den Wagen ab und lief ihr langsam nach. Ich begann zu überlegen wie ich es anstellen könnte. Wie könnte ich ihr das Geld geben, ohne dass ihr Junge das mitbekommt. Wie kann ich die Frau dazu kriegen das Geld überhaupt an zu nehmen? Mit Sicherheit würde sie es ablehnen und sich schämen… Ich grübelte hin und her und lief den beiden so bestimmt einen Kilometer nach. Die Straße entlang, eine Seitenstraße ab, in eine Gartensparte. Wohnen die hier? Das Mitgefühl packte mich immer mehr. Der kleine Junge sagte irgendetwas mit einer traurigen Stimme. Die Mutter hielt an und drückte ihn. Ich glaube sie hat geweint. Ich konnte nicht mehr- so falsch es auch ist- ich drehte um. Ich wollte schon allein vermeiden dass die beiden mich bemerkten. Ich tat so als wär nix gewesen und lief wieder zum Auto. Total zerrissen von Vorwürfen und Zweifeln. Als ich mich noch einmal umdrehte, waren sie weg, abgebogen in einen der Gärten…

Am Pennymarkt vor meinem Auto angekommen, standen zwei Männer vor der Tür und bedauerten Robert Enkes tot.

3 comments

  1. Sehr ehrlich geschrieben! Wenn man eigene Schwächen sich und anderen gegenüber eingestehen kann, ist dies eine große Stärke 🙂

    Im Grunde kann sich jeder, der ein wenig Aufmerksamkeit besitzt (nicht nur für die eigenen Belange) und noch ein wenig Mitgefühl (sofern nicht bereits arg verkümmert) in diesem Text wiederfinden.

    Warum ein „Enke“-Thema in unserem Leben einen höheren Stellenwert einnimmt, als die Nachbarin, die sich und ihre Familie durchbringen muss, oder als der Kollege, der durch div. Probleme krank geworden ist, oder als die Frau eines Freundes, die wegen fehlender Hilfe überfordert ist mit Haushalt und drei Kindern, … liegt vllt vor allem an unserer Angst, dass diese Probleme auch in unserem Leben zu finden sein könnten. Mit dem Argument, man nehme Rücksicht auf die Privatsphäre der anderen, überspielen wir die Angst sich in etwas einzumischen und damit Unannehmlichkeiten (für uns selbst) zu provozieren. Wir schauen nur nach rechts und nach links, wenn es um das Vergleichen mit anderen geht und um die eigene Anpassung (nicht aufzufallen). Wir sind abgestumpft, denn wir können oft nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden. Wenn wir Bilder von notleidenden Menschen sehen, fragen wir uns, ob es tatsächlich so ist wie beschrieben oder ob wieder einmal gestellte Bilder veröffentlicht werden und die gespendete Kohle von dicken Typen in Limos ausgegeben wird. Aber lieber schauen wir uns das Elend dieser Welt in der ersten Reihe an, mit ausreichen Distanz zu unserem eigenen Leben, als tatsächlich vor unserer Haustür aktiv zu werden. Wir vergessen dabei das eigentliche, nämlich dass wir an der Freude anderer wachsen.

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