Über den inflationären Gebrauch von Anglizismen im Deutschen

Sprachwandel
Sprache ist etwas Natürliches. Sprache lebt vom Gebrauch und ist ständig im Wandel begriffen. Was heutzutage als schlechtes Deutsch und Regelverstoß gegen Rechtschreibung und Grammatik gilt, könnte in einigen Jahren durchaus Eingang in den Duden finden. Prominentes Beispiel ist die Präposition wegen. Bis vor kurzem nur mit dem Genitiv zu verwenden (meinetwegen, wegen Urlaubs), tolerieren einschlägige Rechtschreib- und Grammatikwerke heutzutage auch die Verwendung im Dativ (wegen mir, wegen Urlaub). Dies ist der Fall, da der Duden lediglich den Sprachgebrauch dokumentiert, es in Deutschland jedoch keine Institution gibt, die wie in Frankreich (Academie Francaise) oder Spanien (Academía Real) den Sprachgebrauch vorschreibt.

Sprachen beeinflussen sich gegenseitig
Derartige Tendenzen lassen sich nicht nur innerhalb einer Sprache, sondern auch zwischen verschiedenen Idiomen beobachten. Worte aus Sprache A finden Eingang in Sprache B oder umgekehrt. Jeder kann sicher auf Anhieb mit einer Liste Anglizismen im Deutschen aufwarten, was an späterer Stelle noch einmal aufgegriffen werden soll. Jedoch existieren auch in der englischen Sprache eine Reihe deutscher Ausdrücke, wenn auch zahlenmäßig bedeutend geringer. Bekanntestes Beispiel ist wohl kindergarten, welches sich übrigens in vielen Sprachen der Welt etabliert hat. Eine weitere Gruppe stammt aus dem kulinarischen Bereich. So benutzen auch englische Muttersprachler gern Ausrücke wie sauerkraut, bratwurst und pretzel. Neu-englische Worte wie schadenfreude und weltschmerz beschreiben schließlich Konzepte, die man als typisch deutsch empfindet, so dass es im englischen keinen eigenen Begriff dafür gibt. Empfinden wirklich nur wir Deutschen Schadenfreude?

Pseudo-englische Wörter im Deutschen
Einen weitaus größeren Einfluss übt natürlich das Englische auf die deutsche Sprache aus. Dies trifft insbesondere für das amerikanische Englisch zu, kommen doch die meisten technischen Neuerungen aus Übersee. Mangels sprachregulierender Behörde machen wir uns gar nicht erst Gedanken, wie wir dieses neue Gerät im Deutschen benennen könnten, sondern übernehmen bereitwillig, oder wohl eher gedankenlos, den englischen Namen. Diese Anbiederung an die englische Sprache geht sogar soweit, dass wir in unserem alltäglichen Sprachgebrauch englisch klingende oder anmutende Worte benutzen, die jedoch im Englischen entweder gar nicht existieren oder eine völlig andere Bedeutung haben. Die Liste dieser pseudo-englischen Ausdrücke ist sehr lang und beinhaltet unter anderem:
• Handy – Die Bezeichnung der ersten Prototypen lautete handy talkie. Wir Deutschen hörten wohl aber nur mit halbem Ohr hin oder übernahmen aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse im Englischen den unwichtigeren Bestandteil handy.
• Oldtimer – Dieses Wort beschreibt im Englischen einen Menschen, „alter Hase“, keinesfalls aber ein Auto.
• Hometrainer, Showmaster – Diese Ausdrücke existieren im Englischen überhaupt nicht.

Überbenutzung von Anglizismen
Aber auch in Bereichen, wo Anglizismen in der deutschen Sprache mit korrekter Bedeutung benutzt werden, lässt sich in den letzen Jahren ein inflationärer Gebrauch selbiger beobachten. Niemand würde wahrscheinlich Einwände äußern, wenn es sich um Ausdrücke handelt, für die es keine angemessene oder sprachlich gute Entsprechung gibt. Die Suche nach einem deutschen Wort für Laptop würde sich wahrscheinlich schwierig gestalten und mit einer eher stümperhaft anmutenden Lösung enden.

Warum aber belästigt uns die Werbung ständig mit englischen Begriffen? Kaufhäuser pflastern ihre Schaufenster mit übergroßen Schriftzügen Sale zu und scheinen unterdessen die deutschen Worte Ausverkauf oder Schlussverkauf völlig vergessen zu haben. Spätestens seit dem missglückten Werbespruch von Douglas „come in and find out“, den die Mehrzahl der Kunden völlig missverstanden hat, sollte man sich hier eines Besseren besinnen.

Warum benutzen deutsche Telefonanbieter bis hin zur Telekom in ihren Rechnungen englische Worte wie City Call, die besonders ältere Bürger noch nicht einmal aussprechen, geschweige denn verstehen können? Sind die Kunden dieser Unternehmen englische oder deutsche Muttersprachler?

Warum schließlich spielt bei der Deutschen Bahn die deutsche Sprach eine immer geringere Rolle. Wieso lösen Anglizismen wie rail&fly oder ticket point die entsprechenden deutschen Begriffe ganz ab? Keiner hat etwas dagegen, dass im Zeitalter des internationalen Tourismus gerade auf Bahnhöfen auch englische Beschilderungen verwendet werden. Aber doch wohl bitte schön nicht ausschließlich, sondern ergänzend zu den landessprachlichen Angaben.

Fazit
Inwiefern man sein persönliches Sprachrepertoire mit Anglizismen spickt, bleibt jedem selbst überlassen. Wenn es jedoch soweit kommt, dass wesentliche Lebensbereiche von englischen Ausdrücken beherrscht werden, sollte dem Einhalt geboten werden. Schließlich spricht und versteht die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die englische Sprache entweder überhaupt nicht oder eher schlecht als recht. Diese Klientel bleibt dann von wesentlichen Informationen ausgeschlossen. Anglizismus-fanatische Unternehmen sollten nicht meinen, besonders zeitgemäß (oder up to date?) herüber zu kommen. Im Gegenteil, die Mehrheit der Kunden fühlt sich durch Anglizismen in allen Lebensbereichen eher belästigt. Eine (staatliche) Regulierung wie z.B. in Frankreich erfolgreich praktiziert, wäre hier durchaus angebracht.

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