Kleines Diktatoren-Handbuch

„Diktatoren reiten auf Tigern hin und her und wagen nicht abzusteigen. Und die Tiger werden hungrig.“ (Winston Churchill)

Ein Diktator (lateinisch dictare – befehlen, vorschreiben) ist per definitionem ein Befehlshaber, Gewaltherrscher, Tyrann.  Es gab ihn bereits im alten Rom, wo „Diktator“ ein politisches Amt war, was allerdings zeitlich begrenzt war. Dieser wesentliche Zusatz scheint jedoch mit dem Römischen Reich zusammen untergegangen zu sein. Die Liste prominenter Beispiele ist lang und reicht von Altmeistern wie Hitler und Stalin über Pinochet, Khomeni, Honecker, Ceausescu bis hin zu Gaddafi, Kim Jong Il, Ben Ali und Mubarak.

Für alle, die künftig ein ähnliches Berufsfeld ins Auge fassen, hier einige Faustregeln, die es für eine erfolgreiche Diktatur zu beachten gilt.

§ 1 – Machtübernahme

Dieser erste Schritt ist für die erfolgreiche Implementierung Ihrer Diktatur absolut unerlässlich. Suchen Sie sich am besten ein krisengebeuteltes Land. Vorbereitend empfiehlt es sich, der richtigen Partei beizutreten (was für eine politische Karriere im Allgemeinen sehr förderlich ist). Im Zweifelsfall gründen Sie eine eigene. Nun ist es an der Zeit die Politik und Person des noch amtierenden Staatsoberhauptes bei der Bevölkerung zu diskreditieren. Stellen Sie dies geschickt an, steht Ihrer Machtübernahme nichts mehr im Wege. Erklären Sie Ihren Vorgänger einfach für senil oder unfähig, die Geschicke Ihres Landes zu leiten. Das Militär ist Ihnen dabei u.U. sicher gern behilflich. Jetzt müssen Sie sich nur noch selbst zum Staatsoberhaupt ernennen und Schritt 1 ist erfolgreich abgeschlossen.

§ 2 – Machtausbau

Als erfolgreicher Diktator sollte es Ihnen eine Herzensangelegenheit sein, Ihrem Land so lange wie nur irgend möglich dienen zu können. Erfahrene Berufskollegen empfehlen daher die Einrichtung als Staatsoberhaupt auf Lebenszeit. Sollte dies aus bestimmten Gründen nicht möglich sein, bietet sich dennoch eine Alternative. Behalten Sie immer im Hinterkopf, dass Sie als Alleinherrscher auch alleinige Entscheidungsgewalt haben. Schreiben Sie also einfach die Landesverfassung um und fügen Sie den Passus der „unbegrenzten Wiederwahl“ ein. Sollten Sie wirklich einmal in die Verlegenheit kommen, Wahlen abhalten zu müssen, ermöglicht der rechtzeitige Aufbau entsprechender Netzwerke mühelos Wahlergebnisse im höheren 90%-Bereich.

§ 3 – Demokratie

Geben Sie sich auf jeden Fall demokratisch. Dieser Schritt ist ohne größere Schwierigkeiten zu bewerkstelligen. Nehmen Sie dazu einfach das Adjektiv „demokratisch“ oder das Nomen „Volksrepublik“ – gern auch in Kombination – in die offizielle Landesbezeichnung auf. Diese Maßnahme ist mehrfach erprobt und wurde u.a. von Ihren Amtskollegen in der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea, der Volksrepublik China oder der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik erfolgreich implementiert. Leisten Sie sich zudem ein Parlament. Hierbei sollte jedoch nicht versäumt werden, der eigenen Partei (bei der Sie natürlich als Staatsoberhaupt parallel den Vorsitz haben) den alleinigen Führungsanspruch einzuräumen. Vereinzelte Kritiker können mit der Übertragung von Ministerialämtern, großzügigen Geschenken (Achtung: Finanzierung hier bitte aus der Staatskasse!) oder ggf. Haft besänftigt werden.

§ 4 – Denunziantentum

Einer Ihrer Leitsprüche als frisch gebackener Diktator sollte stets die Maxime Ludwig XIV sein: „L’état, c’est moi !“ – „Der Staat bin ich !“. Rechnen Sie besonders in der Anfangsphase Ihres Dienstes am Volke mit vereinzelten Querulanten. Führen Sie sich stets vor Augen, dass diese Leute nur neidisch sind und selbst gern Ihr Amt inne hätten. Der frühzeitige Aufbau eines effektiven Polizei- und Sicherheitssystems erweist sich diesbezüglich immer von Vorteil. Mit Hilfe dieses einfachen Tricks, können Sie ggf. auch einer größeren Menge an Gegnern Ihrer guten Sache Herr werden. Achtung: Als erfolgreicher Diktator sollten Sie natürlich vorher die Judikative auf Ihrer Seite wähnen. Da Sie aber ohnehin alle Richter des Landes persönlich ernennen, sollte dies kein Problem darstellen.

Abschließend ist noch darauf hinzuweisen, dass es auch vereinzelt im Ausland Kräfte geben wird, die Ihnen Ihre Laufbahn nicht gönnen. Sie sollten daher die mediale Berichterstattung in Ihrem Land nicht aus den Augen lassen. Es empfiehlt sich die permanente Probelesung gerade von Zeitungen. Hier können Sie sich besonders beliebt machen, schafft diese Praxis doch auch eine Vielzahl von Arbeitsplätzen (Hinweis: moralische und politische Eignung der Lektoren bitte prüfen). Anders hingegen verhält es sich mit ausländischer Propaganda. Ein rechtzeitig eingerichtetes Propagandaministerium hilft Ihnen, die Informationsflut vorzusortieren und ggf. entsprechende internationale Zeitungen oder Webseiten mit unnötigem oder irrelevanten Inhalten außer Landes zu halten.

§ 5 – Entgelte

Der Beruf des Diktators gehört zu den international am besten vergüteten Arbeitsverhältnissen. Überraschenderweise sind hier keine speziellen Kompetenzen erforderlich. Einige Ihrer Amtskollegen stammen aus völlig artfremden Professionen, wie dem Dachdeckergewerbe oder der Landwirtschaft. Da Sie laut Ihrer (neuen) Verfassung die alleinige Staatsgewalt innehaben, werden Sie in Ihrem Beruf keinen direkten Vorgesetzten haben. Sie, und nur Sie, entscheiden über eine angemessene Vergütung. Vergessen Sie nie – Sie sind der Staat. Das heißt, sämtliches Staatseigentum ist gleichzeitig Ihr persönliches Eigentum.

§ 6 – Plan B

Bei Beachtung von §1-§5 dürfte Ihnen einer lebenslangen erfolgreichen Berufskarriere als Diktator nichts im Wege stehen. Einige Ihrer Amtskollegen versäumten es jedoch, ihr Volk in hinlänglichem Maße moralisch und politisch zu formen. In Kombination mit konterrevolutionären Kräften, die fast ausschließlich aus dem Ausland eingeschleust werden, kann es u.U. zu vorübergehenden oder in Einzelfällen auch dauerhaften Störungen Ihrer Arbeit kommen. Sie sollten natürlich für diesen Fall entsprechend gewappnet sein. Sämtliche Unmutsäußerungen an Ihrer Person oder Ihrem Führungsstil sollten als Landesverrat eingestuft und entsprechend geahndet werden. Folgende Punkte geben Ihnen eine konkrete Handlungsanweisung:

  • Äußerung von fehlgeleiteten Privatmeinungen in Form von Demonstrationen sind verboten und werden rücksichtslos durch Polizei und Militär unter Berücksichtigung sämtlicher Mittel unterbunden.
  • Verbieten Sie Ansammlungen von mehr als 2 Personen und verhängen Sie Ausgangssperren (wahlweise über Nacht oder auch ganztägig) und achten Sie auf deren penible Durchsetzung.
  • Weisen Sie jegliche Verantwortung für etwaige Mängel von sich. Sie haben davon nichts gewusst. Die alleinige Schuld liegt bei den Regierungsmitgliedern, die Sie auf schändliche Weise hintergangen haben und welche Sie daraufhin unverzüglich entlassen. Oftmals hilft dieser einfache Schritt schon, die Wogen zu glätten.
  • Anderenfalls erwägen Sie, das Land zu verlassen. Ein derartiges Volk hat Sie nicht verdient. Um einen reibungslosen Ablauf der Verladeaktivitäten Ihrer Habseeligkeiten zu gewährleisten, lassen Sie bitte Flughäfen und den Luftraum für den Pöbel sperren.
  • Da Sie als Diktator stets vorausschauend gedacht haben, bietet sich Ihnen eine Vielzahl von möglichen Reisezielen. Sicher werden Sie die Früchte Ihrer Arbeit auf internationalen Konten angelegt haben. Für die Reise und die ersten Tage im neuen Domizil sowie das Sicherstellen Ihrer Mobilität empfiehlt es sich zudem, Begleitflugzeuge für Ihren Fuhrpark und die umfangreiche Goldbarren-Sammlung zu chartern.
  • Jetzt ist es an der Zeit, Ihren wohl verdienten Ruhestand zu genießen. Als mögliche Destinationen bieten sich Ihnen, je nach Herkunft und Religion, reizvolle Gegenden in Südamerika oder im Golfraum.

Wir beglückwünschen Sie zu Ihrer Berufsentscheidung und wünschen Ihnen alles Gute für Ihre Karriere als erfolgreicher Diktator.

4 comments

  1. Vielleicht sollte man nebenher zumindest noch in Aufsichtsräten von Pharma- oder Lebensmittelkonzernen sitzen (besser noch im Vorstand) oder eine Bank gründen. Man kann dann wohltätig sein – das schützt vor Einsamkeit und vor Anfeindungen. Die westliche Welt erkennt dann meist auch gar nicht, daß man eigentlich ein Diktator ist…. So wie W.Bush z.B. oder gar……Ich hör auf

  2. Sehr richtig! Die Definitionsfrage der Diktatur hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt, zeitgleich hat umfassende Verknüpfung zwischen Politik und Wirtschaft stattgefunden.

    Mir fällt aktuell kein Politiker in Deutschand/ Europa ein, dessen Worte nicht von irgendeiner Lobby im Hintergrund gezogen werden.

    Insofern kann der Artikel nicht nur erweitert werden, sondern auch die Auffassungsgrenze- WER ist denn alles ein Diktator…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.